Archiv für den Monat Dezember 2013

Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt …

Samstag, 28. Dezember 2013

Ein Mensch, von Büchern hart bedrängt,
An die er lang sein Herz gehängt,
Beschließt voll Tatkraft, sich zu wehren,
Eh sie kaninchenhaft sich mehren.
Sogleich, aufs äußerste ergrimmt,
Er ganze Reihn von Schmökern nimmt
Und wirft sie wüst auf einen Haufen,
Sie unbarmherzig zu verkaufen.
Der Haufen liegt, so wie er lag,
Am ersten, zweiten, dritten Tag.
Der Mensch beäugt ihn ungerührt
Und ist dann plötzlich doch verführt,
Noch einmal hinzusehn genauer –
Sieh da, der schöne Schopenhauer…
Und schlägt ihn auf und liest und liest,
Und merkt nicht, wie die Zeit verfließt…
Beschämt hat er nach Mitternacht
Ihn auf den alten Platz gebracht.
Dorthin stellt er auch eigenhändig
Den Herder, achtundzwanzigbändig.
E.T.A. Hoffmanns Neu-Entdeckung
Schützt diesen auch vor Zwangs-Vollstreckung.
Kurzum, ein Schmöker nach dem andern
Darf wieder auf die Bretter wandern.
Der Mensch, der so mit halben Taten
Beinah schon hätt den Geist verraten,
Ist nun getröstet und erheitert,
Daß die Entrümpelung gescheitert.

(Eugen Roth, 1895–1976)

 

Weihnachtsgruß für Buchenthusiasten

Montag, 16. Dezember 2013
Weihnachtsgrüße für Buchenthusiasten
Für eine vergrößerte Ansicht bitte auf den Tannenbaum klicken!

Wir wünschen allen Buchenthusiasten eine wunderschöne Weihnachtszeit und viele lesenswerte Buchgeschenke unter dem Tannenbaum!

Penguin Scores

Freitag, 13. Dezember 2013
Cover_Penguin_Scores

In den späten 1940er Jahren arbeitete Jan Tschichold für den Londoner Verlag Penguin Books, für den er das Signet und verschiedene Reihen typografisch überarbeitete, zum Beispiel die hier gezeigte Partiturenreihe „Penguin Scores“ im serifenbetonten Stil klassisch-symmetrischer Typografie.
[Foto: S. Tavenrath]

Wildgewordene Buchstaben

Sonntag, 08. Dezember 2013

„Liegt es nicht klar zutage, daß mit Schrift umzugehen keineswegs einfach ist? Beim Gang durch eine Stadt begegnen wir auf Schritt und Tritt häßlichen Namenszügen über den Läden, wie von Leuten entworfen, die nicht schreiben, sondern nur den eigenen Namen zur Not malen können, träge dahinfließend wie lauwarme Lava, eitel und unleserlich dazu. Wir beschmutzen unsere Hände täglich an den mit Druckerschwärze überladenen häßlichen Tageszeitungen und ermüden unsere Augen mit den ungeeigneten Schriften ihrer redaktionellen Teile. Die Ortsnamen auf den Bahnhöfen sind fast ohne Ausnahme abstoßende Muster mißratener Schriftformen und mangelnden Gleichmaßes. Die Drucksachen, die uns stündlich begegnen, sind nur selten in angenehmen Lettern und übersichtlich gedruckt. Häufig sind sie lärmende Orgien wildgewordener Buchstaben und selbstbewußt auftretender Wurstigkeit. Wie lange müßte man suchen, um eine gepflegt aussehende, höfliche und schöne Geschäftskarte zu finden! Gute Manieren sind, auch im Gebrauch von Schrift, selten.“

 (Jan Tschichold in „Erfreuliche Drucksachen durch gute Typography. Eine Fibel für jedermann“, Maro Verlag Augsburg 1996. Die Originalausgabe erschien 1960 im Ravensburger Buchverlag.)

JAN TSCHICHOLD und die Sabon

Montag, 02. Dezember 2013

Zweiter Teil der Serie „Die Typen hinter den Typen“

Johannes Tzschichold wurde 1902 als Sohn eines Schriften- und Schildermalers in Leipzig geboren. Bereits mit 17 Jahren nahm er Unterricht in Kalligrafie und Buchbinden, Holzstich und Radierkunst. Nach seinem Studium an der Staatlichen Akademie für graphische Künste und Buchgewerbe sowie an der Kunstgewerbeschule Dresden arbeitete er zunächst als traditioneller Kalligraf, entwarf Werbemittel und war, unter anderem für den Insel-Verlag, als freischaffender Typograf tätig. Als Zeichen seiner Begeisterung für die russische Revolution änderte er 1923 seinen Namen in Iwan Tschichold – einige Jahre später legte er den neuen Vornamen allerdings wieder ab.

Jan Tschichold

Jan Tschichold
[Foto: linotype.com/Monotype]

Nach einem Besuch der ersten Bauhaus-Ausstellung im selben Jahr begann er, die funktionalistischen Gestaltungstheorien des Bauhauses und des russischen Konstruktivismus sowie die visionären Ideen der niederländischen De-Stijl-Bewegung in seinen Arbeiten umzusetzen. In jungen Jahren wurde er so zum Wortführer der Bewegung, die später als „Die neue Typografie“ bekannt werden sollte; deren Grundlagen bestanden in Klarheit und an funktionelle Bedürfnisse angepasster Form, asymmetrischer Komposition sowie in der Beschränkung auf die elementaren Mittel der Gestaltung. Sein 1928 veröffentlichtes, erstes Buch „Die neue Typografie“ wurde schnell zu einem Standardwerk moderner Typografie. Als Mitglied des von Kurt Schwitters gegründeten „Rings neuer Werbegestalter“ pflegte Jan Tschichold Kontakte zu namhaften Designern.

Jan Tschichold, zweifellos der Typograf der Avangarde seiner Zeit, begann kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges diese Prinzipien und den ausschließlichen Gebrauch serifenloser Schriften zu überdenken und schließlich als „jugendlichen Eigensinn“ ganz zu verwerfen. Stattdessen kehrte er – sehr zum Ärger anderer Verfechter der „neuen Typografie“ – zur tradionellen, symmetrischen Typografie zurück und rehabilitierte die Serifen, die er noch wenige Jahre zuvor vehement abgelehnt hatte:

 „Eine Schrift muss zunächst leserlich, nein, lesbar sein, und eine serifenlose Schrift ist ganz sicher nicht die leserlichste Schrift, wenn sie in großen Mengen gesetzt wurde, von lesbar ganz zu schweigen … Gute Typografie muss einwandfrei leserlich und insofern das Resultat intelligenter Planung sein. Klassische Schriftarten wie Garamond, Janson, Baskerville, und Bell sind zweifellos die leserlichsten.“
(Jan Tschichold in: „Typography USA“, 1959)

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wandte sich Tschichold also ganz der klassischen Typografie zu und arbeitete für verschiedene schweizerische Verlagshäuser sowie für Penguin Books, für die er die Einbandgestaltung verschiedener Reihen und das Markenzeichen, das Pinguin-Symbol, überarbeitete.

Mit dem Ziel der optimalen Lesbarkeit vor Augen arbeitete Tschichold an der Entwicklung einer Renaissance Antiqua im Stil der Garamond, die sowohl für den Handsatz als auch für verschiedene Setzmaschinen geeignet war. Zwar hatte er bereits in den frühen 1950er Jahren den Auftrag für eine solche Schriftart erhalten, jedoch wurde deren Produktion immer wieder verschoben.

Sabon_SchriftzugErst im Jahr 1967 konnte Tschicholds Sabon-Antiqua – benannt nach dem französischen Typografen Jacques Sabon (1535–1580) – der Druckbranche präsentiert werden. Ebenfalls aus Frankreich stammte der Typograf, der die Sabon viele Jahre später weiterentwickelte, um sie den technischen Anforderungen des 21. Jahrhunderts anzupassen: Jean-François Porchez veröffentlichte im Jahr 2002 die Sabon Next.

„Und so lebt Tschicholds Erbe im digitalen Zeitalter weiter und beweist, dass er zu den größten typografischen Gestaltern aller Zeiten zählt und sein Einfluss in der Welt der Typografie noch immer sichtbar ist, bis in die heutige Zeit.“
(Jean-François Porchez in: Jan Tschichold. Meister der Typografie. Sein Lebenswerk in Bildern, 2008)