Axolotl – eine aquatil lebende Schwanzlurchart, die nie die Metamorphose durchläuft und somit ein Leben lang im Larvenstadium verweilt.
Aber warum genau wählt die äußerst junge Autorin Helene Hegemann ausgerechnet dieses seltsam anmutende Geschöpf als Haustier für ihre Protagonistin und misst ihm sogar die bedeutende Rolle des Titelträgers des Romans bei? Gibt sie einfach nur ein Beispiel für die ewige Jugend, oder protestiert sie vielleicht doch gegen die Welt der Erwachsenen, oder vielmehr gegen deren typischen Verhaltens- und Sichtweisen?
Die 16-jährige Mifti hat schlechte Erfahrungen mit ihr nahestehenden erwachsenen Menschen gemacht und verachtet nunmehr alle die, die das Jugendalter zumindest geistig hinter sich gelassen haben. „Zwischenwelten sind mein einziger Bezug zur Wirklichkeit, zur Wahrheit will ich fast sagen, ach, und nach jahrelangen Duldungsphasen der absolute Zugriff aufs Leben“(S.33), sagt sie selbst und erklärt somit ihre häufigen Ausflüchte in die Welt, in der wilde Partys mit jeder Menge Alkohol, fast schon tierische Züge annehmendem Sex, und heftigen Drogenexzessen, bis hin zum totalen Realitätsverlust, die Hauptrolle spielen. Dabei sieht sie sich selbst als Opfer. Aber auch das ist sie natürlich nicht selbst Schuld, denn sie sagt: „Dieser Planet ist so gemacht, dass es nur noch Platz für Opfer gibt. Die Menschen haben es verlernt zu leiden.“(S.41). Sie, die so viel Gesellschaftskritik übt, gesteht sich mit dieser Aussage ein, selbst ein Teil eben dieser zu sein und nicht herauszustechen, obwohl sie versucht dieses mit allen Mitteln zu erreichen. Dies ist nur einer der Widersprüche die im Roman und speziell bei der Protagonistin zu finden sind. Die sehr vulgäre und wohl jugendliche Sprache wird immer wieder von spezifischen Fachvokabular und kompliziert verschachtelten Sätzen durchkreuzt, sodass man nicht so ganz glauben kann, dass diese von einem jungen Mädchen stammen, welches die Schule verweigert und sich auch ansonsten gegen das erwachsenwerde sträubt. Der bewundernde Ausruf Ophelias: „Wie du immer mal wieder <<sozusagen>> am Satzende anbaust, überhaupt dieser Trick, mit Füllwörtern intellektuelle Sätze verworren und atemlos zu machen – beeindruckend, Mifti!“ (S. 43) könnte genauso auch an Helene Hegemann selbst gerichtet werden. Aber auch wenn diese sprachliche Eigenschaft die der Protagonisten zugesprochen wird auf den ersten Blick beeindruckend wird, wirkt sie mit der Zeit eher aufgesetzt und künstlich. Und wie zur Bestätigung dieses Eindruckes äußert sich auch Mifti dahingehend, dass diese Sprache nichts mit ihrer Persönlichkeit zu tun hat. Sie spricht von einer Sprache, die ihr einverleibt wurde und nicht die Ihrige ist (vgl. S. 47).
So fragt man sich auch; Ist das Helene Hegemanns Sprache, oder versucht sie mit aller Gewalt eine Sprache zu konstruieren, mit der sie im wirklichen Leben nicht konfrontiert wird? Denn die junge Autorin lässt sich nicht von ihrem direkten Umfeld inspirieren, sondern von einem Blogger aus dem Internet. Ist es möglich von einem aufsteigenden Stern am deutschen Literaturhimmel zu sprechen, wenn dieser passagenweise Wort für Wort zitiert, ohne dies kenntlich zu machen? In dem strittigen Werk selbst stellt Hegemann in einem Gespräch zwischen Mifti und ihrem Bruder eine mögliche Sichtweise auf die Thematik dar. „Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde, Mifti.“, antwortet der Bruder auf die Frage, ob ein bestimmter Slogan von ihm sei. „(…) weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage. Es ist also nicht von dir? Nein. Von so´ nem Blogger.“ (S. 13).
Helene Hegemanns Roman wirkt trotz vulgärer und Ausdrucksweise und Jugendjargon sehr intellektuell, wobei ähnlich wie bei der Hauptfigur Mifti, häufig zwischen Realität und Fiktion und Schein und Sein unterschieden werden muss.