Jeder kennt sie, die kleinen Bildchen die während Zeiten der Langeweile oder des Nachdenkens am Seitenrand einer schriftlichen Arbeit entstehen.
Die kleine, überaus anregende Marbacher Ausstellung „Randzeichen“ leistet mit bislang nie gezeigten Manuskripten Pionierarbeit auf diesem recht unbeackerten Feld. Wenn Paul Celan zu seinem Gedicht „Von Dunkel zu Dunkel“ Frauengesichter mit einer wie eine Prothese klaffenden Augenpartie skizziert oder Hermann Hesse zu seinem vitalistisch-präpotenten Versen „O wilde Nächte“ eine grinsende Fratze schneidet, hat dies eindeutig den Charakter von Hilfszeichnungen. Der Wechsel des Mediums dient zur Lösung eines Problems oder auch zur Selbstanfeuerung der Dichterglut. Doch schon bei Rilke bewegt sich der Deutungswille auf das rutschige Eis der Textoberfläche. Denn worauf bezieht sich das merkwürdige Flügelwesen, das er in einer Notiz zur achten „Duineser Elegie“ hingehaucht hat? Auf das „Glück der Mücke, die noch innen hüpft“, auf „die halbe Sicherheit des Vogels, der beinah beides weiß aus seinem Ursprung“ oder auf „die Spur der Fledermaus?“ Dumm für die Philologen, dass Rilke kein so guter Zeichner ist.