Überall auf der Welt gibt es Märchen, aber keine Sammlung, abgesehen von den Erzählungen aus Tausendundeiner Nacht, ist so berühmt geworden wie die Kinder- und Hausmärchen von Jacob und Wilhelm Grimm. Schon bald nach ihrem ersten Erscheinen 1812 wurden sie in ganz Europa übersetzt. Ende des 19. Jahrhunderts gelangten sie nach Japan, in die USA, und heute sind sie der Inbegriff dessen, was man Märchen nennt.
Diese anheimelnd unheimliche Bilderwelt halten wir, vielleicht gar mit einem gewissen Stolz, für typisch deutsch, wir neigen zu der Annahme, es handele sich dabei um ganz ursprüngliche, aus der Tiefe der Volksseele stammende Geschichten. Deshalb trennen wir ja auch die anonymen »Volksmärchen«, wie sie nicht allein die Grimms, sondern auch viele andere gesammelt haben, von den literarischen »Kunstmärchen« eines E.T.A. Hoffmann oder Hans Christian Andersen.
Jacob und Wilhelm waren keine fahrenden Feldforscher, sondern Bibliothekare, lange Zeit in Kassel, später in Göttingen, dann lehrten sie als Professoren in Berlin. Sie verließen ihre Studierstube nur, wenn es sein musste, und an die Märchen kamen sie über Mittelsleute, die sie aus ihrem Bekanntenkreis gewannen. Zumeist waren das Frauen mit gebildetem Hintergrund, etwa die Schwestern Hassenpflug in Kassel, deren Mutter hugenottischer Herkunft war. Zu Hause sprach man Französisch, und es ist offenkundig, dass die Märchen, die dort erzählt wurden, in ihrer Mehrzahl aus dem Umkreis der berühmten Sammlung von Charles Perrault stammten (1697). Jedenfalls haben scheinbar urdeutsche Märchen allesamt französische Vorbilder. Was wiederum nicht heißt, sie wären »urfranzösisch«. Die Überlieferungswege liegen meist im Dunklen, manche führen zurück bis in die Antike, andere nach Persien, von da nach Indien.